SHANGHAI HÖREN
Anthologie: Neue Radiokunst international XXVII
randfunk/SWR 2011
Redaktion: Frank Halbig
Mit Unterstützung des Goethe-Institutes Shanghai und der HfG-Karlsruhe
Ursendung: 5.4.2011
Dauer: 54'
Triebfeder der akustischen Kunst und Radiokunst ist - im weitesten Sinne - ein ästhetisierendes Hören
des Alltags mit seinen Geräuschen und tönenden Manifestationen bewegter Objekte. Als historische Heimat
dieses spezifischen Hörens gelten Europa und Nordamerika. Doch welches Interesse kann eine Gesellschaft
haben, deren städtische Lebensräume noch viel mehr als die abendländischen von Lärm beherrscht werden.
Kann sich an Orten, in denen gegen den Lärm der Vehikel und Hupen regelrecht angeschrienen werden
muss, ein Sinn für den Klang und die Struktur alltäglicher Geräusche entwickeln, gar ein Bedürfnis
diesen Klängen jenseits des Alltags in neuen Zusammenhängen wieder zu begegnen? Werden die Bürger von
sogenannten Megastätten ihren Hörsinn nicht notwendigerweise auf ein Weghören und Überhören ausrichten
und allein im Sinne zweckdienlicher Wahrnehmung gebrauchen - beispielsweise um nicht überfahren zu
werden?
Die 27. Radiokunst-Anthologie wagt um diese Fragen herum einen Hörausflug in die südchinesische
Hafenstadt Shanghai, wo das Hupen noch der universellen Kommunikation dient und Lärm wie die Selbstvergewisserung
des Lebens an sich erscheint.
Im Herbst 2010 forschte der Autor auf Anregung und mit Hilfe des
Goethe-Institutes sowie der HfG in Karlsruhe nach Komponisten der elektro-akustischen Musik und
Soundartisten in Shanghai. Sein besonderes Interesse galt den nicht-akademischen, subkulturellen
Aktivitäten in der 14 Millionen Menschen beherbergenden Stadt, in der sich schnell die eingangs
formulierten Fragen aufwarfen. Dennoch stieß er bei seiner Recherche auf eine kleine Kunstszene,
die hinter der alltäglichen Zeichenhaftigkeit der Elemente des Lärms Stimmen, Rhythmen, Klangfarben
und tonale Verläufe ausmachen, aufheben und neu gestalten. Oder aber, wie im Falle des Enfant Terrible
der akustischen Kunst, den Lärm potenzieren und als "Noise Music" überzeichnen.
Mit Hörbeispielen,
Gesprächen und Originalaufnahmen aus Shanghai widmet sich diese Folge der ars acustica und der
alltäglichen Klangsphäre Shanghais gleichermaßen.
[listen]
PLAYLIST...
...der in der Reihe ihres Auftauchens gespielten Werke
Yin Yi aka audioripple
(Toningenieur, der vom Sounddesign (für Film und Werbung) zur Sound Art überlief und außerdem
Kurse für Tontechnik und Sounddesign gibt. Er steht eigenen Angaben zufolge außerhalb der
akademischen Zirkel Shanghais und ist dabei, eine eigene Kunst-Organisation aufzubauen, die im Umfeld von
Sound Art, Live-Musik-Performances, zeitgenössischem Tanz und Theater agiert.)
-> face
-> black music box
-> 3mins
Weitere Stücke von Yin Yi wurden 2010 im Berliner Label
STAALTAPE verlegt
LLND aka Laurent Lettrée und Nathalie Delpech
(
machen audiovisuelle Performaces udn Installationen, sind seit einigen Jahren in China und seit 2009 in Shanghai)
-> jam.logo (mehrere Schnipsel aus verschiedenen Passagen)
Prof. Chen Qiangbin
(Leiter des Elektronischen Studios im Shanghaier Konservatorium für Musik)
-> Si - für Pipa, Zheng und Zhongruan (2002)
Junkyy aka Torturing Nurse und Noishanghai
(international auffälliger noise-Aktivist, dessen Arbeiten u.a. bei:
Roilnoise und mindflaremedia
erschienen sind. Junkyy lebt in Shnaghai)
-> il comunismo doveva morire
Yin Yi (s.o.)
-> Ju Luo (Ausschnitte)
HÖRBILDER
Zwischen den Stücken stehen thematisch gebündelte Hörexkursionen aus vorgefundenen Atmosphären,
Sprach- und Geräuschmontagen, die spielerisch einen Eindruck der Klangwelt Shanghais vermitteln
sollen, also dem dortigen Umfeld und Ausgangspunkt elektro-akustischen Wirkens.
In der Reihenfolge ihres Erklingens
-> Sprachmontage (Konzert An-, bzw. Absagen und Applaus, teils rhythmisiert)
-> Wohnquartiere und Alltag
-> Interview mit Yin Yi zum Thema Hin-Hören und Musikalisierung der Alltagsgeräsche
-> Musik eines blinden R Hu-Spielers im "Anti-Japanese-Memorial Park", gelegen unmittelbar vor einer frisch betonierten
Promenade an der Jangtse-Mündung. Daher gelegentliche Schiffshörner im Hintergrund.
-> Lautsprecher- und Megaphonstimmen im Alltag
TECHNISCHES EQUIPMENT
KORG MR 1000 mit einem Satz dpa 4060 (ggf. mit Windpuschen)
ZOOM H4n wenn´s schnell gehen sollte mit den internen Mikros, sonst mit dpa 4060
MARANTZ PMD 661 mit einem zweiten Satz dpa 4060 (ggf. mit Windpuschen)
Die dpa-Mikros waren auf einer eigens gebauten Schiene in ORTF-Anordnung montiert.
Mikro für
Interviews: Sennheiser Mk21 am KORG
FIELDRECORDINGS
Frank Halbig und A.H.