Lesezirkel

Mit losen Beiträgen aus dem Alltag, publiziert als Leserbriefe, Artikel oder Geheimsache.

 

Freiburg ist eine Stadt die wächst, wodurch auch der Parkraumbedarf zunimmt. Gerade die hier während der vergangen Jahre verfolgte Politik einer städtebaulichen Verdichtung verschärft das Problem, weil Bevölkerungsdichte und Brachen-, bzw. Parkraumschwund gleichermaßen zunehmen. Also halten, besonders für Kurzparker, mehr und mehr die Bürgersteige her, obschon i.d.R. in einem 50 Meter-Radius ausgewiesener Parkraum vorhanden wäre. Interessant hieran ist, dass niemand dabei mehr Unrecht zu empfinden scheint.

 

Halten Falschparker wie Fußgänger den Gehsteig für den besseren Parkplatz als die Straße und vielleicht sogar noch besser als einen bewirtschafteten Parkraum? Immerhin wird letzterer regelmäßig kontrolliert, wohingegen das „mal eben abgestellte Auto“ vor der Post, dem Bäcker, dem Supermarkt ja gleich wieder weg ist und aufgrund der schwachen Personaldecke des Ordnungsamtes auch kaum erfasst werden wird – fatal eine solche Entwicklung. Naheliegender wäre eine strikte Nutzraumtrennung in den Städten: wer „nur mal eben parken will“ soll dies auch auf der Straße tun und sich ggf. mit ihres/seinesgleichen anlegen. Auf ihr Fehlverhalten angesprochen reagieren die Menschen natürlich verschieden, wobei Abwehr und offene Aggression oder Beschimpfung obsiegen. Nur jeder 10. scheint bereit, dem Argument zu folgen, dass unsere Sprache nicht grundlos zwischen „Gehweg“ und „Fahrweg“, bzw. „Parkraum“ differenziere, und dass selbst ein noch so kurz geparktes Fahrzeug auf dem Bürgersteig mit ziemlicher Sicherheit mehr Menschen beeinträchtige als der Individualitätsanspruch der jeweiligen Autofahrer/in in die Waagschale zu werfen vermöchte. Nur jeder Zehnte – bisher nur Männer – fährt darauf hin sein Auto sogar weg.

 

In den 70ern entschied man, den Städten das Primat der Verkehrsgesellschaft aufzudrücken – in Freiburg zeugen davon noch die Tunnel unter der Siegessäule. Andere Städte, wie Hannover, hat es weitaus schlimmer erwischt. Bald schon danach musste man aber die Schwächen solcher Stadtplanung einsehen. Ich frage mich, ob die erneute, nun jedoch individuell motivierte Umwidmung des Lebensraums Stadt in Verkehrs- bzw. Parkraum, die Parole einer „green city“ im entschwärzten Ländle nicht Lügen straft und letztlich die Lebensqualität aller Stadtbewohner mindert.

 

Man könnte sich wieder wünschen, jede und jeder Einzelne möge nur etwas mehr Umsicht walten lassen. Die Stadt könnte dazu verschärft das laissezfaire Falschparken ahnden statt überwiegend Parkuhren zu kontrollieren.

 

p.s. Den armen Verirrten, die vermeinen, ihren Statusanspruch als Privatpanzerpilot/inn/en unterstreichen zu müssen, wäre ein eigener Leserbrief zu widmen, ebenso wie den mitunter stark unter Wirklichkeitsverlust leidenden Radfahrern. Nur die eine Bitte vielleicht an dieser Stelle: keine vergrößerten Parktaschen in den Garagen, eher erhöhte Parkgebühren und Neben-Straßensperrungen für XXL-Autos.

 

(Arno Amian, Freiburg)
Jedem das Seine?

 

Hobby- und Freizeitgestaltung birgt immer auch Konfliktpotenzial: ob Rollkofferfahrer/innen in gepflasterten Innenstädten, Autotuner und Biker auf kurvigen Pfaden oder Partygänger auf öffentlichen Plätzen und umwohnten Grünflächen. Leidtragend ist wer nicht mitmacht – und trotzdem da ist, weil er bspw. anwohnt oder anderes im Sinne hat. Allen hier exemplarisch angeführten Aktivitäten ist gemein, dass sie lokal tangieren. Auch fliegen hat sich zum Freizeitspaß aufgeschwungen, der dem Vernehmen nach breitenwirksamer geworden ist. Stellt sich die Frage nach der Lokalität der Beeinträchtigung durch Fluglärm. Sie schreiben selbst von den Anwohnern, die sich zunehmend gestört fühlten. Doch wer ist Anwohner, wenn ein Motorflieger – und sei er noch so leicht – aus Spaß an der Freud seine Kreise über dem Schauinslandmassiv und Freiburgs anliegenden Hängen dreht? Man möge einmal in den Himmel lauschen an einem beliebigen Sonn- oder Feiertag. In 10 km Höhe haben wir die Fernflieger im gefühlten 10-Minutentakt, d.h. ein verhaltenes aber permanent dumpf brummendes Rauschen. Weit darunter aber immer noch hoch genug über unseren Dächern kurven quengelnd und sehr viel durchdringlicher sägend, brummend oder knatternd die Freizeitpiloten durch ihre Lüfte. Anwohner dieses Spaßes sind in Freiburg über 200 000 Menschen. Ob eine solche Feststellung dem gesunden Flieger-Ego Eindruck schinden kann? Wenn nicht, dann ist es an den leidtragenden Anwohnern, sich nachhaltig Gehör zu verschaffen, um unserer Stadtverwaltung gegen eine offensichtlich mächtige Flugplatz-Lobby den Rücken zu stärken, damit sie durch Gesetze, die Interessen der Mehrheit ihrer Stadt durchsetzen. Insofern sage ich der einsam fragenden Dame, die im Sommer schon einmal per Leserbrief nach dem Eindruck der Mitmenschen ob des Fluglärms fragte, dass sie sich ganz und gar nicht irrt, denn es nervt tatsächlich und höchstwahrscheinlich sind es viele, die so denken.
(AH)
Im Hörfunk haben sich verschiedene Genres und Gattungen bzw. Formate durchgesetzt. 
Da gibt es Nachrichten, Studiogespräche, Musik, Feature, Hörspiel, Unterhaltung und Klangkunst. Studiogespräche sind ernsthaft, Nachrichten sachlich, Feature ist polemisch oder persönlich und auf jeden Fall journalistisch, Hörspiel erzählt meistens, Unterhaltung dudelt und Klangkunst ist individuell und räumlich gebunden. Die Erwartungen werden erfüllt, was durchaus sein Gutes hat. Aber: diese Sicherheit könnte auch Stagnation der kulturellen Auseinandersetzung bedeuten.

 

r a n d f u n k positioniert sich am Rande der tradierten Formate oder zwischen den redaktionellen Grenzen, ist also gewissermaßen immer auch Glückssache.

 

„Radios im Sinne der Glückssache“ sind bspw. in London das freie Künstlerradio Resonance FM, das naturgemäß einen heißen Draht zu erfrischenden Aktionen und Initiativen der experimentellen Musik- und Sound Art Szene hat, in Quebec das Radionetzwerk CKIA FM, auch das österreichische Kunstradio, es gab sogar Nischen im Umfeld öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten, die hoch komplexe und hörintensive Produktionen in Auftrag gaben und sogar sendeten! Es gab in den 70er bis 90er Jahren eine ganze Menge davon aber einige sind – wie der „listening room“ der ABC in Australien, die Internationale Radiokunst-Redaktion beim SFB [link zum Text], das „Cafe Sonore“ von VPRO in den Niederlanden und bald auch das wirklich legendäre „Studio akustische Kunst“ des WDR – schon wieder Geschichte.
 Natürlich gibt es auch noch im Deutschlandradio und in den sogenannten ARD-Kulturradios gelegentlich neben den Hörspielplätzen Strecken für experimentelle oder dazwischen hockende Soundarbeiten, aber – gemessen an der Fülle des Materials – eben nicht (mehr) genügende.

 

r a n d f u n k pflegt die ehemals von den hiesigen Rundfunkanstalten formulierten hohen Qualitätskriterien weiterhin, nur sind diese Kriterien nicht primär formatbezogen, sondern eng mit dem jeweiligen Material oder einer Idee verknüpft, formulieren sich gewissermaßen aus den Themen heraus. Form und Inhalt finden zu einer Wechselbeziehung, welche mitunter dafür sorgt, dass anderes hinten raus kommt als vorne gedacht war – zugegebenermaßen schwierig für Redaktionen mit festem Sendeprofil.

 

r a n d f u n k arbeitet mit dem Überraschungseffekt, aber auch der Möglichkeit, durch Verwirrung stiftende, gleichgültige, unspektakuläre oder offene Konzepte die Hörer neugierig zu machen und sie so ggf. an ganz schön krudes Zeug heranzuführen, ja ihnen die Ohren zu öffnen im Idealfall.

 

Über r a n d f u n k finden sich neben Hintergründen zum Label also Wege zu Ästhetik und Geschichte der Klangkunst, zur Radiokunst oder sollte man sagen Hör-Kunst(?), zur akustischen Kunst, bzw. ars acustica, schlicht zu zeitgenössischem Denken und Hören. Wer mehr will, kann gerne nachfragen.

Ars Acustica

Ars Acustica
Schon die alten Römer schätzten den Klang zerspringender und berstender Schädeldecken, vor allem in den Arenen und auf dem Schlachtfeld sehr. Weitgehend unbekannt ist, dass es bei den Gladiatorenkämpfen unter Kaiser Nero sogar B-Noten zur Bewertung besonders origineller Knack-, Knall- und Splitterlaute gab.

 

Gladiatoren, die sich beim Sieg über ihre Gegner zudem als Klangkünstler bewiesen, waren unter den Römern hoch angesehen und konnten bei konstant guter Benotung ihren Status und Rang unter den Gladiatoren verbessern: dem Rang des Magister Artium vergleichbar lehrten sie den klangkünstlerischen Schwung der Streitaxt, des meist tödlichen Kampfsterns sowie dem Schwert. Auch der perkussive Einsatz des Schutzschildes galt als hohe Kunst im Überlebenskampf auf dem Feld und in der Arena.

 

Der casus de juris ars acustica gestattete es, die begabtesten unter den kämpfenden Klangkünstlern von ihrer Kampfverpflichtung zu befreien, damit sie sich ganz der Lehre sowie Vertiefung ihrer Klangerzeugungstechniken und des Instrumentariums widmen konnten. In diesen Tagen verschwanden viele schlecht angesehene Bürger und des Betruges überführte Beamte. Einher ging ihr Verschwinden mit eigenartigen aber auch interessant und vielschichtig erscheinenden Geräuschen und Lauten, die sich in der Stille der römischen Nächten als verstellte akustische Reflexionen zwischen den Hauswänden auf die Gassen der Reichshauptstadt legten. Wer der Ursache der Geräusche nachzugehen trachtete, wurde so manches Mal selbst spontan zum Klangkörper und verewigte sich als unvergleichlicher Widerhall zwischen den alten Gemäuern der Stadt. Ein weiteres Klangsubjekt war geboren.

 

Der freien Klang- und akustischen Kunst wurde aufgrund der Herkunft der sie wesentlich ausübenden Künstler eine gewisse Gefährlichkeit und Zwielichtigkeit nachgesagt, und sie galt – nicht zuletzt wegen ihrer als unzivilisiert empfundenen Begleiterscheinungen (heute würde man Kollateralschaden sagen) – als verbotene Kunst, weshalb sie alsbald auch wieder aus dem Blickfeld (Klangraum) der Öffentlichkeit verschwand und – allerdings bis heute – allein in verschwiegenen Geheimzirkeln als ars acustica, freilich jetzt mit unverfänglicherem Kompositionsmaterial hantierend, weiter betrieben wird.